Schlechter Traum
Schlechter Traum – Februar 2023
Er spürte, wie eine Flüssigkeit an seinem rechten Arm herunterlief. Er litt nicht. Über ihm sah er eine Lampe, die den Raum mit einem gelblichen Licht erhellte. Er versuchte, seine Erinnerungen zu sortieren. Es gab München, den Saal, seine lange Rede, die langen, einmütigen Applaus der Zuhörer. Danach die Rückkehr mit dem Präsidentenflugzeug. Danach völlige Leere. Was war geschehen? Er erinnerte sich, dass er sich sofort nach dem Start eingeschlafen hatte. War das Flugzeug entführt worden? War es abgestürzt?
Ja, das war es. Das Flugzeug musste abgestürzt sein, und er war verletzt. Vielleicht ein Raketenangriff durch Extremisten. Er hatte überlebt – das war das Wichtigste. Aber wo befand er sich? Er hatte keine Ahnung. Waren andere Passagiere des Präsidentenflugzeugs ebenfalls davongekommen?
Er versuchte, sich aufzurichten, um besser sehen zu können. Doch ein heftiger Schmerz durchzuckte seine Schulter und seinen rechten Arm, und er stürzte sofort zurück auf seine Liege. Er wartete lange Minuten, bis der Schmerz nachließ, dann begann er mit seinem linken Arm, die rechte Körperhälfte zu erforschen. Er fand zerrissene Stoffstücke seiner Hemd, feucht. Blut, vermutlich. Oben am Arm war ein Druckverband. Sicherlich ein chirurgisches Hilfsmittel, metallisch, kalt, mit einem Schraubwerkzeug zum Anziehen. Seine Hand glitt tiefer. Er fand einen Knochen, der fast zehn Zentimeter aus der Wunde ragte.
Er wollte die Untersuchung nicht weiter fortsetzen, aus Angst, was er noch entdecken könnte. Auf jeden Fall fühlte er seine rechte Hand nicht mehr. Er konnte sie nicht bewegen. Er dachte, dass der Druckverband möglicherweise die Taubheit und die Muskellähmung verursachte.
Jemand betrat den Raum. Er hörte Gesprächsfetzen in einer Sprache, die er nicht verstand. Doch offensichtlich handelte es sich um eine Sprache aus einem osteuropäischen Land. Bevor das Flugzeug abgestürzt war, musste es entführt worden sein, auf dem Rückflug von München. Aber wo?
Ein Gesicht beugte sich über ihn.
– Ich spreche ein wenig Französisch, aber nur sehr wenig.
– Do you speak English?
– Nein, nein, nur sehr wenig Französisch.
– Wo sind wir?
– Wir werden Sie operieren. Der Arm – Ja, der Arm, und was dann?
– Ihr Arm ist nicht mehr gut. Wir werden ihn abnehmen müssen.
– Abnehmen? Sie wollen mich amputieren?
– Ja. Zu stark gebrochen. Sprengstoff, verstehen Sie? Viele Verletzungen. Viele Splitter. Die rechte Hand ist sehr stark beschädigt. Aber die linke Hand ist gut!
– Was? Das Flugzeug ist abgestürzt? Gibt es Überlebende? Und die anderen?
– Ich verstehe nicht. Kein Flugzeug! Es ist… der Krieg…
– Der Krieg!
– Ich hole jetzt Morphium. Sie werden keine Schmerzen mehr haben. Es wird schon gehen, es wird schon gehen.
Das Gesicht verschwand. Er versuchte, seinen Blick an etwas festzuhalten. Mit einem übermenschlichen Aufwand, sich am Gestell eines Bettes festhaltend, gelang es ihm, sich etwas nach links zu drehen. Der Raum war in völliger Unordnung. Auf einem Tisch lag eine Waffe, eine automatische Pistole, daneben mehrere Magazine. Und viele Gläser, daneben eine halb leere Flasche. Alkohol, vermutlich. An der Wand hing eine Karte mit markierten Orten, angenagelt mit Nadeln – eine Karte der Front. Verdammt, wo war er gelandet? Auf der ukrainischen Front? Aber auf welcher Seite war er? Auf der ukrainischen oder auf der russischen Seite?
Auf der Karte standen einige Schriftzeichen. Doch er wusste genau, dass die Ukrainer denselben kyrillischen Alphabet wie die Russen verwenden. Erschöpft von dieser Anstrengung fiel er wieder auf das Bett zurück. Er schloss die Augen und hörte plötzlich eine weibliche Stimme:
– Herr Präsident, Herr Präsident, es tut mir leid, Sie zu wecken, aber wir landen bald in Roissy. Ich bitte Sie, Ihren Sicherheitsgurt anzulegen.
Kriege folgen sich und ähneln sich.
Sie haben die Kälte des Metalls von Bomben.
Sie haben die matte, graue Farbe des begehrten Geldes.
Sie löschen die Funken der Wahrheit und entfachen die Glut des Hasses.
Sie erdrücken, ersticken, begraben jedes mögliche Glück, außer gemeinsam geteilt.
Wer auch immer fällt, es wird ein Mensch sein.